Kutschenglut

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber die Stadt Palma verwandelt sich im Sommer in einen überhitzten Backofen, der seit Stunden auf höchster Stufe läuft. Jeder Stein speichert die Glut, jeder Platz strahlt sie zurück, jede Gasse wirkt wie ein schmaler Schlauch aus flirrendem Licht. Inmitten dieser brodelnden Kulisse stehen die Pferdekutschen, ein Relikt aus einer Zeit, in der niemand über Tierschutz sprach und Romantik wichtiger war als Realität. Reglos und erschöpft warten die Tiere dort, während die Sonne ihnen gnadenlos auf den Rücken brennt. Manchmal sieht es aus, als wollte die Hitze die Kreaturen verschlucken, wie ein hungriger Drache, der sich träge über die Stadt gelegt hat.

Einige Touristen betrachten diese Szene mit einer Mischung aus Naivität und Abenteuerlust. Sie steigen ein, als würden sie eine nostalgische Reise in ein Märchen beginnen. Dabei sitzen sie in einem Gefährt, das sich durch eine Stadt bewegt, die heißer ist als eine frisch geöffnete Sauna. Kaum zu glauben, dass Menschen freiwillig eine Fahrt buchen, die sich anfühlt wie ein Ausflug mitten in einen Pizzaofen. Die Rösser sollen diese Last tragen, obwohl sie schon stundenlang in der prallen Sonne gestanden haben. Manchmal sogar mehrfach am Tag. Ein absurdes Schauspiel, das sich jeden Sommer aufs Neue wiederholt, als hätte niemand aus dem letzten Jahr gelernt.

Vor wenigen Tagen zeigte eine junge deutsche Urlauberin wenigstens ein bisschen Mitgefühl. Sie bat den Kutschenbesitzer, seinem durstigen Zugpferd Wasser zu geben, weil das Tier sichtbar am Ende seiner Kräfte war. Der Mann reagierte mit einer Mischung aus Wut und Arroganz. Er beschimpfte die Frau und schüttete ihr das Wasser mitten ins Gesicht. Das Video verbreitete sich rasend schnell, die Empörung war riesig, die Kommentarspalten liefen heiß wie das Pflaster selbst. Trotzdem bleibt die Frage, was jetzt eigentlich passiert. Seit Jahrzehnten kennt die Insel dieses Problem. Immer wieder brechen Tiere mitten auf der Straße zusammen, doch die Behörden wirken seltsam gelähmt. Fast so, als würde man einem alten Theaterstück zusehen, dessen Handlung jeder kennt, dessen Ende aber trotzdem niemand ändert.

Warum eigentlich ist es nicht längst möglich, die Pferde durch elektrische Kutschen zu ersetzen? Die Technik existiert, die Straßen sind bereit, die Stadt könnte ohne Weiteres ein Vorbild sein. Stattdessen bleibt alles beim Alten. Die Vierbeiner leiden, die Kutscher verdienen, die Touristen lächeln für Fotos, die später ohnehin auf irgendeiner Festplatte verstauben. Kaum jemand scheint zu bemerken, wie abgemagert manche dieser Tiere wirken. Vielleicht sehen zu viele Menschen einfach nur das eigene Vergnügen und übersehen das Leid, das direkt vor ihren Augen steht.

Die Kutscher verteidigen ihr Geschäft mit einer Sturheit, die an einen störrischen alten Esel erinnert, der sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt. Jede Fahrt bringt Geld, die Scheine summieren sich, und Touristen applaudieren einer vermeintlichen Verve, die längst bröckelt und eigentlich niemanden mehr beeindrucken sollte. Während die Einnahmen steigen, geraten die Tiere selbst mehr und mehr in Vergessenheit. Auf dem Pflaster stehen zitternde Beine, trockene Mäuler und Augen, in denen jede Hoffnung erloschen scheint. Ein trauriges Schauspiel, in dem die eigentlichen Hauptdarsteller keine einzige Zeile bekommen, obwohl sie die gesamte Last tragen.

Palma sollte endlich ein Zeichen setzen. Nur weil Pferde schon immer Kutschen gezogen haben, muss Tradition nicht als Ausrede dafür herhalten, Leid am Leben zu erhalten. Elektrische Kutschen wären eine wunderbare Erfindung und könnten die geplagten Zugtiere ohne großen Aufwand ersetzen. Moderne Technik wartet förmlich darauf, die Insel zu entlasten, doch der Fortschritt bleibt stehen wie ein dickköpfiger Dackel im Schatten, der sich partout nicht von der Stelle rühren will. Auf den Straßen brennt weiterhin die Sonne, die Kutschen rollen unbeirrt weiter, die Touristen winken, als wäre alles nur ein harmloser Ausritt. Ein Sommermärchen, das längst zu einer stillen Tragödie geworden ist.

Hoffentlich findet eines Tages jemand den Mut, diese Geschichte umzuschreiben. Irgendwann begreift die Stadt vielleicht, dass Fortschritt kein Gegner der Tradition sein muss, sondern eine Rettung für die geduldigen Geschöpfe im Geschirr. Dann fährt ein leises elektrisches Gefährt durch die Gassen, während die Pferde im Schatten auf einer Weide stehen, statt auf glühendem Pflaster zusammenzubrechen. Bis dahin bleibt nur das Kopfschütteln über eine Praxis, die im Grunde niemand mehr guten Gewissens verteidigen kann.

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