Rückkehr
Es ist, wie es ist, meine lieben Leser, aber der September schleicht über die Insel wie ein höflicher Gast, der sich nicht traut zu sagen, dass die Party vorbei ist. Plötzlich wirken die Strandhäuser leerer, als hätten sie über Nacht selbst beschlossen, Urlaub zu nehmen.
Die Mallorquiner beginnen zu packen, langsam, aber mit der Entschlossenheit von Menschen, die genau wissen, dass die Ferien nicht ewig dauern. Männer verwandeln sich dabei in wahre Tetris Meister. Ein Fahrrad hier, ein Sonnenschirm dort, dazwischen drei Kisten mit halb vollen Sonnencremeflaschen, die garantiert erst im nächsten Sommer wieder auftauchen. Am Ende sieht der Kofferraum aus wie das Handgepäck eines Auswanderers, der eigentlich für immer bleiben wollte.
Auf der Terrasse stehen die Plastikkörbe herum, die den ganzen Sommer über wie treue Haustiere neben der Tür lagen. Sie haben Sand getragen, Handtücher geschluckt und Wassermelonen geschleppt, als wären sie olympische Lastenträger. Nun wirken sie beleidigt, weil sie spüren, dass ihre große Saison zu Ende geht.
Frauen dagegen führen in diesen Tagen eine Inventur durch, die selbst das Finanzamt beeindrucken würde. Jede Matratze wird geklopft, jeder Schrank kontrolliert, jede vergessene Sandale aus dem hintersten Winkel gezogen. Kinder rennen derweil ein letztes Mal durch den warmen Sand, während die Eltern versuchen, die späten Sonnenstrahlen einzufangen wie seltene Schmetterlinge.
Manche verabschieden sich von ihrer Sommerresidenz mit einer Zärtlichkeit, die man sonst nur bei alten Freundschaften kennt. Sie streichen über die Tür, als wollten sie sich bedanken für all die Wochen voller Gelächter und Abende, die nach gegrilltem Fleisch und Meerwasser rochen. Andere täuschen vor, als wäre der Aufbruch eine rein logistische Angelegenheit, und werfen die Kissen in den Kofferraum, als gäbe es dafür eine Trophäe zu gewinnen. Trotzdem blitzt in ihren Augen dieser winzige Funke Melancholie auf, der sich einfach nicht wegorganisieren lässt.
Hier und da sitzen Menschen stur vor ihrem Haus und erwecken den Anschein, als müssten sie nur kurz etwas ordnen. In Wahrheit hoffen sie insgeheim, dass der Sommer es sich noch einmal anders überlegt und eine Verlängerung gewährt, ungefähr so, wie man auf einen Aufschub beim Finanzamt hofft.
Einige tragen ihre Topfpflanzen zurück ins Winterquartier, feierlich wie königliche Gäste. Die Töpfe wackeln, die Erde rieselt, die Blätter zittern, und das Ganze gleicht einem Umzug, den eine Komödiantentruppe inszeniert hat.
Über der Bucht liegt inzwischen dieses typische Septemberlicht, weicher und ein wenig müder als im Hochsommer, fast so, als würde selbst die Sonne allmählich ihre Koffer packen. Straßen verändern dabei ihr Gesicht, man hört wieder das Klappern der Mülltonnen und das Rufen der Nachbarn, während die Insel sich streckt wie nach einem viel zu langen Mittagsschlaf.
Auf der Autobahn Richtung Palma bildet sich eine Prozession, die an biblische Ausmaße erinnert. Autos mit Anhänger und überladene Kombis ziehen gemeinsam gen Stadt, geduldig aneinandergereiht wie Ameisen auf dem Weg zurück in den Bau.
Zuhause angekommen wirkt die eigentliche Wohnung fast fremd, so blitzsauber und ordentlich, dass man kurz überlegt, ob man versehentlich bei den Nachbarn gelandet ist. Kein Sand zwischen den Fliesen, keine Muschelsammlung auf der Fensterbank, dafür wieder Schulhefte, Stundenpläne und ein Wäscheberg, der offenbar den ganzen Sommer heimlich weitergewachsen ist.
Natürlich schwört jeder beim Abschließen der Strandhaustür feierlich, nächstes Jahr früher zu kommen und länger zu bleiben. Solche Versprechen halten ungefähr so lange wie gute Vorsätze am ersten Werktag nach Silvester, klingen aber jedes Jahr aufs Neue rührend überzeugend.
Der neunte Monat im Jahr bringt Ordnung zurück, die Routine, die Struktur, den ganz normalen Alltag. Trotzdem lässt er ein Fenster spaltbreit offen, denn die Tür zum Strandhaus fällt bei keinem Mallorquiner wirklich ganz ins Schloss. Nur für den Fall, dass der Sommer es sich am Ende doch noch einmal anders überlegt.