Müll

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber im Sommer verwandelt sich Mallorca an vielen Orten in eine überdimensionale Mülldeponie. Ich gehe durch Llucmajor und sehe Müllberge, die sich so stolz auftürmen, als wollten sie der Kathedrale von Palma Konkurrenz machen. Die Insel ist nicht nur voll, sie ist übervoll, und der Müll hat sich entschieden, eifrig mitzumachen.

Hin und wieder frage ich mich, ob die Touristen ihre Manieren am Flughafen vergessen haben oder ob sie überhaupt welche besitzen. Menschen aus aller Welt sitzen am Strand, essen ihre Snacks und lassen die Verpackung einfach fallen. Die Szene erinnert an einen gigantischen Kindergeburtstag, bei dem niemand Lust hat hinterher aufzuräumen. Danach muss die Müllabfuhr antreten wie eine Truppe Gladiatoren, die gegen eine Armee aus Plastikflaschen und Chipstüten kämpft.

Ein Blick auf die Container zeigt, wie dramatisch die Lage ist. Abfalltonnen stehen da, als hätten sie eine Diät gemacht und wären plötzlich mit der dreifachen Portion konfrontiert worden. Die Deckel stehen offen, unzählige Mülltüten liegen daneben, und manchmal wirkt es, als würden die Müllschlucker bald um politisches Asyl bitten. Die Müllmenge hat sich mindestens vervierfacht, weil die Insel im Sommer mehr Menschen beherbergt als ein überfülltes Kreuzfahrtschiff, das vergessen hat, rechtzeitig abzulegen.

Die Gemeinden versuchen, die Lage zu klären. Es gibt Gespräche, die klingen, als würden zwei Esel darüber streiten, wer das letzte Kraftfutter gefressen hat. Die Müllabfuhr möchte mehr Geld um weiteres Personal einzustellen, weil sich die Arbeit mehr als verdoppelt hat. Die Gemeinden bestehen aber auf Abmachungen in den Verträgen, die zu Zeiten abgeschlossen wurden, als die Insel noch friedlich war und die Abfallstellen nicht aussahen wie übermotivierte Hefeteige.

So mancher Spaziergang an den Stränden der Touristenhochburgen zeigt das Ausmaß des Problems. Reinigungstrupps erscheinen auf ihren Arbeitsflächen, als würden sie eine königliche Bühne betreten, auf der sie alles beseitigen müssen, was die Besucher hinterlassen. Sie sammeln Müll ein, entfernen Essensreste und räumen Dinge weg, die eigentlich in eine Toilette gehören. Manche Urlauber vergessen offenbar, dass es auf unserer wunderschönen Insel sanitäre Anlagen gibt, und hinterlassen Spuren, die jedes Verständnis sprengen. Die Aufräumer müssen Erbrochenes entfernen und auch sonstige Hinterlassenschaften, die niemand sehen möchte. Ihre Geduld bewundere ich sehr, denn sie kämpfen monatelang gegen eine Müllflut, die sich an jedem Sommertag unermüdlich neu bildet.

Jedoch glänzen die Touristengegenden wie frisch polierte Kronen. Viele Straßen wirken, als wären sie für eine Preisverleihung vorbereitet worden. In diesen Vierteln arbeitet die Müllabfuhr  bis zum Morgengrauen, denn die Mengen, die dort eingesammelt werden müssen, sprengen eine gewöhnliche Schicht. Die Mitarbeiter kämpfen sich durch diese Massen, als würden sie versuchen, auch noch die Sandkörner am Strand mitzuzählen, und verständlicherweise bleibt danach kaum Zeit für andere Gemeinden. Llucmajor gehört zu diesen vernachlässigten Städten. Das Stadtzentrum ist zwar keine typische Touristenmeile wie der Ballermann sechs, doch in den Sommermonaten leben deutlich mehr ausländische Mitbürger bei uns als in den kühleren Monaten. Damit wächst der Müll auch hier, als hätte er beschlossen, sich unkontrolliert zu vermehren.

Natürlich versuchen wir Inselresidenten, unseren Müll ordentlich zu entsorgen, doch die Inselmülleimer sind voll und somit landen auch unsere Mülltüten daneben. Diese Tatsachen beobachte ich schon seit Jahren und immer wieder denke ich, dass die Insel dringend eine Pause bräuchte. Vielleicht sollte sie sich einmal kräftig schütteln wie eine Katze nach einem erzwungenen Bad, bis alles herunterfällt, was nicht hierher gehört. Jawohl meine lieben Leser, dieser Gedanke ist übertrieben, doch er hilft mir, die Realität mit Heiterkeit zu betrachten.

Das Inselparadies erträgt jeden Sommer Dinge, die kein anderes Fleckchen Erde freiwillig ertragen würde. Ein Mülleimer ist schließlich keine scheue Ginsterkatze, die man nur aus sicherer Entfernung betrachten darf, sondern ein treuer Helfer, der geduldig darauf wartet, benutzt zu werden. Humor hilft zwar, um das sommerliche Durcheinander zu überstehen, doch eine kleine Veränderung würde der Insel mehr helfen als jeder gut gemeinte Ratschlag. Mallorca verdient eine Behandlung, die zeigt, dass die Menschen verstanden haben, wie wertvoll dieser Inselwinkel ist und dass sie bereit sind, sich wie zivilisierte Bürger zu verhalten.

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