Familia

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber gestern Morgen stand ich ausversehen mitten in einer dieser ausländischen Muttergruppen, in denen alle aussehen, als hätten sie ihr Leben mit Yoga und Hafermilch fein säuberlich sortiert. Kaum war ich angekommen, fragte mich eine von ihnen, wie ich es eigentlich schaffe, so entspannt zu wirken und ständig zu lächeln, obwohl mein Alltag angeblich so voll sei. Die Frage schmeichelte mir, schließlich könnte es schlimmer sein. Trotzdem bröckelt meine Fassade gelegentlich, denn hinter meinem Lächeln tobt manchmal ein kleiner Sturm, der sich nicht einmal von einer Meditation auf einem Klosterberg beruhigen lässt.

Mein Morgen beginnt meist mit einem inneren Augenrollen, sobald der Wecker klingelt. Meine Töchter zu wecken fühlt sich an wie der Versuch, zwei schlafende Drachen davon zu überzeugen, dass der Sonnenaufgang kein persönlicher Angriff ist. Die ältere Tochter liegt im Bett wie eine tragische Heldin, die gerade erfahren hat, dass sie heute wieder Mathe hat. Die jüngere Tochter erklärt das Aufstehen zu einer Verletzung ihrer Grundrechte. Ich stehe dazwischen wie eine schlecht bezahlte Diplomatin, die versucht, zwei Königreiche davon zu überzeugen, dass Zähneputzen kein Staatsstreich ist. Bis beide am Frühstückstisch sitzen, habe ich mehrere Diskussionen geführt, Kompromisse geschlossen und mir selbst eingeredet, dass Geduld eine olympische Disziplin sein sollte, für die ich längst eine Medaille verdient hätte.

Nach dem Abliefern in der Schule beginnt der nächste Abschnitt meines Tages, der sich wie ein Wettlauf gegen die Zeit anfühlt. Der Haushalt wartet nicht, er lauert regelrecht. Während ich versuche, Wäsche, Küche und Badezimmer in Schach zu halten, frage ich mich regelmäßig, wie viele Menschen heimlich in unserem Haus wohnen, denn die Menge an Arbeit passt nicht zu vier Personen. Die Waschmaschine läuft so oft, dass sie vermutlich bald einen eigenen Stromvertrag braucht.

Ehe ich mich versehe, stehe ich vor meinen Schülern, die mich ansehen, als hätte ich ihnen ein wildes Tier präsentiert, obwohl es nur ein unregelmäßiges Verb ist. Der Unterricht vergeht, der Nachmittag rückt näher, die Mädchen müssen abgeholt werden. Sobald sie im Auto sitzen, erklären sie mit der Dringlichkeit einer nationalen Krise, dass sie kurz vor dem Verhungern sind, weil das Schulessen angeblich ungenießbar war. Das Brot war zu weich, zu hart, zu rund oder zu eckig. Die Argumentation wechselt täglich, die Dramatik bleibt konstant.

Der Nachmittag bringt Bespaßungsprogramm, Termine, spontane Planänderungen und gelegentliche Taxidienste, falls mein Mann es wieder nicht rechtzeitig schafft, das Krankenhaus zu verlassen. Während ich durch den Ort fahre, fühle ich mich manchmal wie eine Mischung aus Chauffeurin, Animateurin und Krisenmanagerin, die versucht, alles gleichzeitig zu jonglieren, ohne dass etwas auf den Boden fällt. Die To‑do‑Liste wächst schneller, als ich sie abarbeiten kann, was mich gelegentlich zum Gedankenanstoß führt, ob ich nicht längst eine Assistentin bräuchte, die mich vor mir selbst schützt?

Die Frage der Supermutter von gestern schwebt mir immer noch im Kopf herum. Wie ich es schaffe, Kinder, Arbeit, Schreiben, Haushalt, Hund, Kater und Schildkröten unter einen Hut zu bringen und dabei angeblich immer zu lächeln. Nun meine lieben Leser, ich habe tatsächlich eine Geheimwaffe! Mein Ass im Ärmel ist mein Mann und sein mallorquinischer Clan.

Diese Familienbande ist ein System aus Schwiegereltern, Tanten, Onkels, Cousinen, Cousins und Geschwistern, das funktioniert wie ein unsichtbares Sicherheitsnetz. Für die Mallorquiner ist Familie heilig, la familia ist alles. Man hält zusammen, man unterstützt sich, man hilft, wenn Not am Mann ist, man lässt niemanden allein.

Vielleicht wirke ich deshalb manchmal gelassen und lächle öfter, als ich es selbst bemerke, weil hinter mir ein ganzes Familienunternehmen steht. Außenstehenden fällt es selten auf, wie viel Chaos tatsächlich in meinem Alltag steckt. Mein Mann trägt selbstverständlich auch seinen Teil bei, er kocht, putzt, organisiert, übernimmt. Trotzdem ist auch er nur ein Mensch, der leider keine Superkräfte besitzt. Ohne die familiäre Sippe im Hintergrund würden wir längst im Kreis rennen wie zwei Hühner, die einen Fuchs im Stall haben und den Ausgang nicht mehr finden. Der mallorquinische Clan hält zu uns, mein Mann hält mich und gemeinsam halten wir dieses kleine Universum am Laufen.

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