Flirren
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber auf Mallorca gibt es Tage, an denen nicht der Wecker bestimmt, wann man aufsteht, sondern zwei Stücke Holz. Genauer gesagt die Persianas. Dieses unscheinbare, meist grüne Holzwerk wirkt tagsüber harmlos und übernimmt nachts die absolute Kontrolle. Jeder, der hier lebt, weiß, dass diese Vorrichtung weit mehr ist als nur eine Fensterabdeckung. Sie ist ein Charakter, ein System, eine Lebensphilosophie.
Morgens beginnt das ungnädige Ritual, man tastet sich im Halbdunkel durch das Haus, weil die Persiana noch geschlossen ist und damit offiziell Nacht herrscht. Draußen kann längst ein strahlender Vormittag warten, die Vögel können singen, die Nachbarn können schon drei Kaffees intus haben, doch all das verliert an Bedeutung. Solange die Persianas verschlossen bleiben, verharrt die Welt im Standby. Man lebt in einer Art mediterranem Winterschlaf, nur ohne Winter und mit der Eleganz eines Faultiers, das sich weigert, vom Baum zu steigen.
Dann folgt der Moment, in dem man die Fensterabdeckung öffnet. Ein Akt, der auf Mallorca niemals beiläufig geschieht. Man schiebt sie nicht einfach so zur Seite. Man nähert sich ihr mit Respekt und der gleichen Vorsicht, mit der man einem Stier begegnet, der gerade beschlossen hat, schlechte Laune zu haben. Anschließend bricht das Licht herein wie eine göttliche Intervention. Man blinzelt, man stolpert, man fragt sich, warum man jemals dachte, heute produktiv sein zu wollen. Der Tag schlägt zu wie ein übermotivierter Personaltrainer, der um sechs Uhr morgens an der Tür klingelt.
Die Mallorquiner pflegen ein besonderes Verhältnis zu ihren Persianas. Sie öffnen sie nie vollständig. Höchstens ein Drittel. Vielleicht die Hälfte, wenn sie mutig sind. Komplett geöffnete Exemplare gelten als Zeichen von Kontrollverlust oder als Hinweis darauf, dass jemand Besuch aus dem Ausland hat. Touristen dagegen reißen den Fensterschutz sofort komplett auf, als müssten sie der ganzen Insel beweisen, dass jetzt ihre große Show beginnt und dass sie bereit sind für ein Benehmen, das selbst einer Horde untrainierter Wildschweine peinlich wäre. Manche verhalten sich dabei, als hätten sie zu viel Hierbas gebechert und müssten nun demonstrieren, wie laut und rücksichtslos ein einzelner Mensch auftreten kann.
Nachmittags beginnt die zweite Etappe der hölzernen Lichtbremse, nämlich die der Siestapersiana. Sie wird nicht einfach geschlossen, sie wird zugezogen. Ein Unterschied, den man erst versteht, wenn man ihn erlebt hat. Die Luft wird schwerer, die Geräusche gedämpft, die Zeit langsamer. Die Persiana verwandelt das Haus in eine Höhle, in der man plötzlich Dinge tut, die man sonst nie tun würde. Man legt sich hin, obwohl man nicht müde ist. Man schweigt, obwohl man etwas sagen wollte. Man denkt, obwohl man eigentlich nur kurz die Augen schließen wollte.
Abends folgt die Geschicklichkeitsprobe. Man möchte Licht, aber nicht zu viel, Luft, allerdings ohne Mücken und Privatsphäre, ohne das Gefühl, in einem Bunker zu leben. Also beginnt das große Gefummel. Ein wenig öffnen, ein wenig schieben, dann doch lieber etwas mehr zuziehen. Die Persiana lässt sich nicht einfach bedienen. Sie lässt sich anflehen wie eine Bühnenkönigin, die entscheidet, ob sie heute auftreten möchte oder nicht.
Manchmal frage ich mich, ob die Persiana nicht die wahre Herrscherin dieser Insel ist. Sie entscheidet über Temperatur, Stimmung, Schlafqualität und darüber, ob man überhaupt bemerkt, dass draußen ein Sturm tobt. Sie ist die stille Regentin des Alltags, die Königin der Schatten, die Meisterin der mediterranen Dramaturgie. Ein unerklärliches Phänomen für alle Inselfremden, die glauben, sie hätten es hier nur mit Holz zu tun.
Die Ureinwohner schätzen die Persiana sehr und ich übrigens auch. Wir himmeln diese hölzerne Erscheinung an, da sie das Licht so präzise steuert wie ein erfahrener Regisseur. Räume verwandeln sich unter ihrem Einfluss in kleine Bühnen, ohne dass sich auch nur eine Lamelle rührt. Ein warmes Flirren legt sich über den Alltag und schenkt dem Zuhause eine Atmosphäre, die man sonst nirgends findet.
Vielleicht ist das das Geheimnis der Lebensqualität auf Mallorca? Nicht das Meer, die Sonne oder die Zitronenbäume. Sondern grüne Bretter, die entscheiden, wie viel Außenwelt man heute erträgt.