March
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber nach zwanzig Jahren auf Mallorca habe ich gelernt, dass man hier drei Dinge nie ganz umgehen kann. Die Sonne, die Bürokratie und den Familiennamen March. Letzterer prangt an Bankfilialen, Stiftungen und Palästen, und sein berühmtester Träger begann ziemlich weit unten in der Nahrungskette.
Geboren wurde Juan March 1880 in Santa Margalida, einem Dorf im Nordosten, wo die Kirchtürme höher wachsen als die Ambitionen. Seine Eltern hielten Schweine, und der kleine Juan durfte sie hüten. Ein Bub mit Stock, Matsch an den Stiefeln und einem Blick, der schon damals über die nächste Suhle hinausreichte. Ihre Vierbeiner brachten es übrigens ebenfalls weit, nämlich bis zur Sobrassada, dem streichfähigen Beweis dafür, dass auf dieser Insel selbst das Ende noch eine Karriere sein kann. Hirte wie Herde haben also ihren Weg gemacht, wenn auch in unterschiedlicher Konsistenz.
Borstenvieh zu verwalten bringt bekanntlich wenig ein, weshalb er sich früh einem lukrativeren Gewerbe zuwandte. Er schmuggelte Tabak, und zwar in Mengen, bei denen selbst hartgesottene Zöllner ins Schwitzen kamen. Der Umsatz stieg, das Vertrauen der Behörden sank, und irgendwo auf dem Land seufzte eine Mutter. Von Algerien bis Gibraltar kannte man ihn, und die Presse taufte ihn später den letzten Piraten des Mittelmeeres. Vermutlich gefiel ihm der Titel besser als anderen ein Ehrendoktor.
Aus dem Schmuggler wurde ein Unternehmer, was sich vor allem dadurch unterschied, dass die Methoden nun seriöser aussahen. Das Tabakmonopol in Spanisch Marokko sicherte er sich, dazu kamen eine Reederei, Anteile am Stromversorger von Barcelona und 1926 die eigene Bank. Binnen weniger Jahre zählte er zu den reichsten Männern Europas, ausgestattet mit nichts als Bauernschläue und einem bemerkenswerten Talent für Kontakte. 1923 zog er als Abgeordneter in die Cortes ein und durfte fortan Gesetze mitschreiben, an denen er zuvor so elegant vorbeigesegelt war.
Ohne Ärger ging es freilich nicht. Ins Gefängnis von Alcalá de Henares steckte ihn die Republik 1932, doch ein Jahr darauf spazierte er hinaus, nachdem einige Wärter sich als erstaunlich aufgeschlossen für Bargeld erwiesen hatten. Andere Häftlinge schreiben im Kerker ihre Memoiren, er bevorzugte die Variante mit Ausgang. Wie er über diese Obrigkeit dachte, zeigte sich 1936 recht deutlich, denn auf seine Rechnung ging das Flugzeug, das Franco von den Kanaren aufs Festland brachte. Offene Türen waren der Dank der neuen Herren.
Eigentlich müsste ein Mann mit derart bunter Vita bei den Mallorquinern längst verspielt haben. Weit gefehlt. Wohltaten für Dörfer, Schulen und Krankenhäuser gingen auf sein Konto, ebenso ein Stadtpalais im Herzen der Altstadt, in dem heute Skulpturen stehen. Rechnen konnte man schon immer, also murmelten alle etwas von einem Halunken, der aber wenigstens von hier stamme, und vergaben. Bekannte von mir sind für weniger Verdienste schon zu Ehrenbürgern ernannt worden.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seines Nachruhms. Mallorca besitzt ein bemerkenswert elastisches Gedächtnis. Wer genügend Erfolg mitbringt, dessen Schatten schrumpfen irgendwann auf Postkartengröße zusammen. So wurde aus dem Tabakschmuggler ein Wirtschaftspionier, aus dem Gefängnisflüchtling ein Wohltäter und aus einem Mann voller Widersprüche beinahe eine lokale Naturgewalt, irgendwo zwischen Tramuntana, Steuerberater und Wetterumschwung.
Sein Leben endete weder in einem Racheakt noch bei einem Staatsstreich, sondern auf einer Madrider Straße. 1962 prallte sein Wagen dort mit einem Lastwagen zusammen, und wenig danach erlag der Herr, der jahrzehntelang jedem Risiko entwischt war, seinen Verletzungen. Ausgerechnet Blech auf Asphalt schaffte, woran Polizei, Gerichte und Feinde gescheitert waren. Einundachtzig Jahre alt wurde er, was für jemanden seines Berufsprofils als Wunder gilt.
Greifbar ist sein Erbe bis heute. Weiterhin trägt die Bank seinen Namen, eine Stiftung in Madrid fördert Kunst und Wissenschaft, und in Palma erinnern Fassaden daran, dass Vermögen hier gern in Stein gegossen wird. Touristen knipsen die Kathedrale und ahnen nicht, dass gleich um die Ecke einst ein Tabakgauner residierte, dem heute ausgesprochen brave Ausstellungen gewidmet sind.