Schrumpfvolk
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber manchmal sitze ich auf dem Marktplatz von Llucmajor und beobachte die Insel. Die Mallorquiner, diese stillen Helden des Alltags, wirken inzwischen wie seltene Vogelarten, die nur noch in Geschichtsbüchern vorkommen. Ein wenig übertrieben vielleicht, doch wenn man Pere Salvà, dem Mallorca Orakel, zuhört, könnte man meinen, die Insel steuere auf ein Schicksal zu, das selbst antike Tragödien vor Neid erblassen lässt.
Früher war Mallorca ein Ort, an dem die Menschen ihre Felder bestellten, als wären sie heilige Teppiche, die man mit Sorgfalt und Hingabe pflegt. Heute stehen dort Häuser, die aussehen, als hätten Immobilienunternehmen beschlossen, die Insel in ein gigantisches Monopolybrett zu verwandeln. Die Mallorquiner laufen durch ihre Dörfer wie Gäste auf einer Party, zu der sie zwar eingeladen wurden, aber niemand ihnen sagt, wo die Getränke stehen. Ein Gefühl der inneren Isolation nennt Salvà das, und ich stelle mir vor, wie ein Mallorquiner morgens aufwacht und sich fragt, ob sein eigenes Dorf ihn noch erkennt.
Die Küste hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so verändert, dass man meinen könnte, sie habe einen Vertrag mit dem Tourismus abgeschlossen. Hotels wachsen dort wie Pilze nach einem besonders feuchten Herbst, und die ländlichen Gebiete ziehen sich zurück wie schüchterne Kinder, die nicht mehr wissen, wie man im Mittelpunkt steht. Die Menschen wandern dorthin, wo die Arbeit ist, und die Arbeit steht nun am Strand, trägt ein Namensschild und spricht mehrere Sprachen.
Die Insel hat sich verjüngt und ich stelle mir vor, wie Mallorca morgens vor dem Spiegel steht und sich über seine neue Frische freut. Doch diese Verjüngung ist nicht die Art, die man mit Cremes und Seren erreicht, sondern eine, die durch Zuwanderung entsteht. Rentner aus Deutschland und Großbritannien kamen zuerst, als hätten sie gehört, dass Mallorca ein besonders gemütlicher Ruhesessel sei. Später folgten Menschen aus dem Maghreb und Lateinamerika, die nicht nach Ruhe suchten, sondern nach Arbeit. Die Insel wurde zu einem Magneten, der alles anzieht, was sich in seiner Nähe befindet.
In den Dörfern gibt es noch Landschaft, doch sie wirkt inzwischen wie eine Kulisse, die vergessen wurde abzubauen. Landwirtschaftliche Produktion ist selten geworden, stattdessen stehen dort Häuser, die aussehen, als hätten sie sich verlaufen. Neue Aktivitäten entstehen, die mit Landwirtschaft so viel zu tun haben wie ein Delfin mit Bergsteigen. Die Insel ist nicht mehr das Mallorca von früher, und manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch weiß, wie dieses frühere Mallorca aussah.
Pere warnt seit Jahren davor, dass Mallorca an seinem eigenen Erfolg zugrunde gehen könnte. Ich stelle mir die Insel vor, wie sie auf einem Sofa sitzt, völlig erschöpft von all den Besuchern, die ihr jeden Sommer die Luft nehmen. Wachstum ohne Wohlstand nennt er das, und ich sehe vor mir eine Insel, die sich streckt und dehnt, ohne dass jemand ihr sagt, wann sie eine Pause machen darf. Wasser, Energie, Abfall, Verkehr, Wohnraum, Grundversorgung, alles steht unter Druck, als hätte jemand die Insel in einen Schnellkochtopf gesteckt und vergessen, den Deckel zu lösen.
In vielen Bars heißt es, die Insel sei überlastet. Ich nicke, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man zu viele Menschen im eigenen Wohnzimmer hat. Die Mallorquiner sind nicht verschlossener geworden, meiner Meinung nach. Sie sind eher noch vorsichtiger geworden, weil sie im Laufe der Geschichte oft unter Invasionen litten. Bei diesem Gedanken muss ich schmunzeln, weil ich mir vorstelle, wie ein Mallorquiner heutzutage auf eine Touristengruppe blickt und denkt, dass diese Invasion wenigstens Sonnencreme benutzt.
Am Ende bleibt die Frage, ob die Mallorquiner wirklich aussterben oder ob sie sich nur gut verstecken. Vielleicht sitzen sie in ihren Häusern, trinken Kaffee und beobachten die Insel, wie ich es mache. Bestimmt warten sie nur darauf, dass jemand ihnen bestätigt, dass Mallorca noch immer ihnen gehört. Die Ureinwohner hoffen, dass die Insel eines Tages wieder tief durchatmet und sich daran erinnert, wer sie einmal war.