Ameisen
Es ist, wie es ist, meine lieben Leser, aber im Sommer verwandelt sich meine Küche in ein geheimes Trainingslager für winzige Wesen, die mit der Entschlossenheit von Alpinisten auftreten, die den Puig Major bezwingen wollen. Eine einzelne Ameise erscheint zuerst, als wäre sie die Vorhut eines streng organisierten Elitekommandos. Dieses winzige Geschöpf bewegt sich mit der Selbstsicherheit eines Dirigenten über die weiße Arbeitsfläche, prüft jede Ecke und verschwindet hinter der Kaffeemaschine, als läge dort ein Portal zu einer unterirdischen Dimension. Wer neu auf Mallorca ist, lächelt vielleicht noch milde und glaubt an ein verirrtes Einzeltier, das man freundlich nach draußen begleiten kann. Diese Illusion hält jedoch nur so lange, bis die verborgene Armee ihre präzise geplante Route eröffnet. Plötzlich zieht sich eine pulsierende Autobahn über Fliesen, Steckdosen und Schranktüren, als hätte ein genialer Ingenieur die perfekte Verkehrsführung entworfen.
Vor vielen Jahren griff ich in meiner Not noch zu den klassischen Mitteln des rationalen Mitteleuropäers. Backpulver wurde gestreut, Zimt verteilt, Zitronenschalen ausgelegt und Essig versprüht. Das ganze Haus duftete abwechselnd wie eine übermotivierte Weihnachtsbäckerei oder wie ein Salat, der dringend eine Therapie bräuchte. Die Krabbeltiere nutzten den Zimt jedoch lediglich als komfortable Rampe, um noch schneller an ihr Ziel zu gelangen. Jede Barriere wurde mit einer architektonischen Finesse überwunden, die selbst Brückenbauer in Ehrfurcht erstarren ließe. Nach dem dritten gescheiterten Feldzug setzte eine tiefe Resignation ein. Ich erkannte, dass diese Völker vermutlich schon im Fundament nisteten, als der Beton noch flüssig war.
Inzwischen hat sich mein Denken grundlegend gewandelt. Die Kapitulation erfolgt nicht mit Gram, sondern mit einer stillen, fast feierlichen Zustimmung. Ein unausgesprochener Nichtangriffspakt ist entstanden. Ich akzeptiere, dass ich lediglich die geduldete Untermieterin bin, die treu die Stromrechnung bezahlt. Diese Einsicht befreit ungemein. Die Sechsbeiner gehören zum mediterranen Alltag, so selbstverständlich wie das Rauschen des Meeres oder das endlose Warten auf den Handwerker, der sein Erscheinen für „gleich“ ankündigt, aber gefühlt erst beim nächsten Vollmond aufkreuzt.
Aus diesem Arrangement entwickelte sich bei mir eine neue Disziplin, die beinahe militärisch anmutet. Die tierischen Mitbewohner dulden keinerlei Nachlässigkeit. Ein klebriger Löffel vom Honigglas, der früher abends sorglos liegen blieb, führt am nächsten Morgen zu einer wimmelnden Parade. Jeder Teller wird inzwischen sofort gereinigt, getrocknet und in Schränken verstaut, die so streng verschlossen sind wie eine Schatzkammer. Selbst das kleinste Krümelchen, das beim Schneiden der Ensaïmada entsteht, fange ich im Flug ab. Der Mülleimer gleicht einer Festung, gesichert wie ein Safe vor Meisterdieben.
Gelegentlich ertappe ich mich bei einer leisen Bewunderung für meine ungebetenen Hausgenossen. Die logistische Meisterleistung, ein ganzes Stück Zucker innerhalb von zwei Stunden spurlos verschwinden zu lassen, ist so beeindruckend, dass ich fast applaudieren möchte. Die Ameisen bewegen sich mit einer Ernsthaftigkeit, die an Pilger auf dem Weg zu einer heiligen Stätte denken lässt. Ich beobachte diese Szenen mittlerweile mit einer Mischung aus Staunen und Gelassenheit. Es scheint fast, als hätten die winzigen Arbeiter eine Ausbildung in Geduld absolviert, die selbst buddhistische Mönche neidisch machen würde.
Schließlich zeigt diese friedliche Invasion, dass das Leben auf Mallorca am besten funktioniert, wenn man sich nicht gegen die Natur stellt. Widerstand führt ohnehin nur zur komischen Selbstbestrafung, weshalb ich den Weg der heiteren Anpassung wähle. Unachtsamkeit ruft sofort eine feierliche Prozession hervor, die an eine religiöse Zeremonie erinnert, bei der winzige Priester über die Arbeitsplatte schreiten. Ordnung verwandelt die Küche in einen stillen Tempel, in dem Frieden herrscht, sobald alles glänzt. Ruhe breitet sich aus, wenn die Flächen leer bleiben und kein Krümel die Aufmerksamkeit der kleinen Gemeinde weckt. Die Ameisen ziehen sich dann in ihre geheimen Gänge zurück, und ich gehe mit gutem Gewissen in den Pool.