Pérez

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber auf Mallorca laufen die Dinge eben manchmal ein bisschen anders. Während in Deutschland eine zarte, glitzernde Zahnfee im feinen Kleidchen durch das Schlüsselloch schwebt, bittet man auf unserer Sonneninsel ein Nagetier herein. Der inselberühmte Ratoncito Pérez übernimmt hier den nächtlichen Dienst an den Beißerchen. Richtig gehört, wir warten sehnsüchtig auf eine Ratte. Mancherorts gilt dieses Tier als absoluter Albtraum, vor allem in der Gastronomie, doch für Inselkinder ist der kleine Nager der absolute Superstar, quasi der George Clooney der Zahnmedizin.

Erinnerungen an den ersten Wackelzahn meiner großen Tochter kommen mir dabei sofort in den Sinn. Vor einigen Jahren erlebten wir dieses monumentale Ereignis, das an Dramatik kaum zu überbieten war. Die Aufregung im Haus glich der Stimmung vor dem Finale einer Weltmeisterschaft. Schlafen war an diesem Abend, an dem der erste Zahn endlich ausfiel, ein Ding der Unmöglichkeit für das Kind. Gefühlt alle fünf Minuten ging die Zimmertür auf und eine kleine Gestalt tippelte an mein Bett, um mich Löcher in den Bauch zu fragen. Wann kommt er denn nun endlich, dieser sagenumwobene Pérez?

Schließlich siegte die Müdigkeit, allerdings mit der Eleganz eines Schauspielers, der sich nur widerwillig von der Bühne verabschiedet. Ich nutzte den Moment und verwandelte mich in eine Art Geheimagentin, die eine streng geheime Mission ausführt. Auf Zehenspitzen schlich ich mich in das Kinderzimmer, bewaffnet mit dem offiziellen Mitbringsel des fleißigen Nagers. Der Tausch von Zahn gegen Ware erforderte die Präzision eines Meisterdiebs beim Juwelenraub. Jede Bewegung fühlte sich an wie ein Balanceakt auf einem Seil, das über einem Abgrund gespannt ist.

Am nächsten Morgen war der Jubel gigantisch groß. Unter dem Kopfkissen kam eine Packung Lego zum Vorschein. Voller Staunen hielt meine Tochter die bunten Steine in die Luft und rätselte mit großen Augen, woher die spanische Luxusratte eigentlich ihre genauen Vorlieben kannte. Ein Kind, das glaubt, ein Kleinpelztier könne Gedanken lesen, ist ein Geschenk für jede Mutter, die Geschichten liebt.

Wenige Tage später stand der obligatorische Besuch beim Zahnarzt an. Ein solch einschneidender Meilenstein im Leben eines Kindes verlangt schließlich nach einer fachmännischen Begutachtung. Die Überraschung war perfekt, als die freundliche Zahnarzthelferin uns ein süßes Geheimnis offenbarte. Sie zeigte meiner Tochter ganz exklusiv das vermeintliche Zuhause des prominenten Gastes. Direkt über der Fußleiste in der Praxiswand war eine winzige hölzerne Tür angebracht. Liebevoll gestaltet, mit einer kleinen Klingel und einer winzigen Fußmatte, lebt der Mäusekönig dort mitten unter uns. Für meine Große war das der endgültige Beweis für die Existenz dieses Fabelwesens.

Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet und die Zeit vergeht wie im Flug. Nun ist meine jüngere Tochter genau in dem Alter angekommen, in dem wir täglich auf den ersten Wackelzahn lauern. Mit einer riesigen Portion Illusion und ungeduldiger Vorfreude wird bei uns zu Hause wieder einmal die Ankunft eines Nagetiers herbeigesehnt. Ständig wird geprüft, ob sich im Mund schon etwas bewegt. Jede Mahlzeit wird begleitet von der Frage, ob der Zahn vielleicht schon heute eine kleine Reise antreten möchte.

Manchmal stelle ich mir vor, wie Pérez abends auf einer winzigen Terrasse sitzt und einen ebenso winzigen Kaffee trinkt. Vielleicht blättert er in einem Kalender, der mit den Namen aller Kinder gefüllt ist, die gerade einen Zahn verloren haben. Ein Bild, das so übertrieben wirkt wie ein Roman, in dem Tiere plötzlich Bürojobs übernehmen. Dennoch passt es wunderbar zu dieser Tradition, die sich so tief in den Alltag der Inselkinder eingebettet hat.

Diese Zahnwechseltradition zeigt wunderbar die kulturellen Unterschiede. Deutsche Kinder träumen von Flügeln und Zauberstab, während der Nachwuchs unserer Mittelmeerinsel auf Pfoten und Schnurrhaare setzt. Hier verliert das Tier jeglichen Schrecken und wandelt sich zum Heilsbringer des Familienfriedens. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, und die Zahnwechsel ebenso. Wir sind jedenfalls bestens vorbereitet, das Kopfkissen liegt bereit, ich habe ein Einhorn gekauft und in einem sicheren Versteckt gelagert. Der kleine Pérez darf gerne bald wieder seine Runden in unserem Haus drehen.

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