Inselirrsinn

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber gestern war ich wieder in Palma, im Hochsommer! Ein Aufenthalt im Juni in der Hauptstadt gleicht heutzutage einem freiwilligen Spießrutenlauf durch ein hysterisches Freiluftirrenhaus. Die ehrwürdige Metropole unserer wunderschönen Insel verwandelte sich erneut in eine brodelnde Arena des kollektiven Fremdschämens. Horden von orientierungslosen Urlaubern walzten wie eine unaufhaltsame Lawine aus Sonnenbrand und Funktionskleidung durch die engen, geschichtsträchtigen Gassen. Jeder, der versuchte, einen friedlichen Schritt auf dem Pflaster zu tun, wurde augenblicklich von einer Welle aus Selfiesticks und lautstarkem Urlaubsgebrüll mitgerissen.

Besonders die teutonischen Besucher gaben heute wieder eine filmreife Performance ab, die jedem Satiriker die Freudentränen in die Augen treibt. Deutsche Touristen erkennt man bekanntlich schon aus einem Kilometer Entfernung an ihrer unerschütterlichen Uniform aus beigen Trekkingsandalen, hochgezogenen Tennissocken und schneeweißen Beinen. Diese Spezies bewegt sich grundsätzlich im militärischen Marschtempo vorwärts, während sie lautstark über das Fehlen von Schnitzel auf den Speisekarten der traditionellen Tapas‑Bars lamentiert. Ein älterer Herr im partnerlooktauglichen Funktionshemd beschwerte sich an der Kathedrale, dass die Steine im grellen Sonnenlicht viel zu heiß zum Anfassen seien. Ein weiterer Kandidat erklärte seiner Frau mit todernster Miene, dass Palma dringend mehr Schatten brauche, „wenn man hier schon Tourismus wolle“. Solche skurrilen Momente der absoluten Realitätsverweigerung machen den Stadtbummel zu einem unbezahlbaren Vergnügen für jeden stillen Beobachter.

Andere Nationen standen diesem modischen und kulturellen Offenbarungseid in absolut nichts nach. Britische Reisegruppen schwankten bereits zur Mittagszeit mit der grazilen Eleganz von angeschossenen Seeelefanten durch die edle Einkaufsmeile Paseo del Borne. Ihre Körper leuchteten in einem bedrohlichen Neonrosa, das stark an frisch gekochten Hummer erinnerte. Laut grölend versuchten sie, den verängstigten Tauben auf den Plätzen Bier anzubieten, während ihre monumentalen Tätowierungen im Schweiß glänzten. Kontinentaleuropäische Influencer blockierten derweil im Sekundentakt jede noch so kleine Treppenstufe, um sich für die digitale Scheinwelt in sterblichen Posen zu werfen. Dieses hysterische Dauergrinsen vor historischen Fassaden wirkte wie die absurde Kulisse eines zweitklassigen Slapstickfilms. Ein besonders ambitioniertes Exemplar legte sich sogar bäuchlings auf den Boden, um „die perfekte Perspektive“ einzufangen, während ein genervter Passant beinahe über sie stolperte.

Die örtlichen Gastronomen verdienen für ihre stoische Geduld eigentlich das goldene Verdienstkreuz am Bande. Genervte Kellner balancierten schwere Tabletts durch das schreiende Menschenmeer, während ungeduldige Kundschaft im Sekundentakt mit den Fingern schnippte. Eine Gruppe französischer Urlauber diskutierte geschlagene zwanzig Minuten lang mit einem sichtlich erschöpften Barista darüber, warum ihr Café au Lait nicht die exakt korrekte französische Schaumkrone besaß. Ein italienisches Paar bestand darauf, dass die Sangria „zu wenig italienisch“ schmecke, was den Kellner kurz an den Rand einer existenziellen Krise brachte. Niemand von diesen Menschen schien zu begreifen, dass man sich im Ausland befindet und Anpassung eine Zierde ist. Stattdessen wird die eigene Kultur wie eine schützende, arrogante Käseglocke über das mediterrane Leben gestülpt.

Fluchtwege aus diesem bunten Jahrmarkt der Peinlichkeiten waren am Nachmittag praktisch nicht mehr existent. Selbst die schattigen Innenhöfe, die sonst als Oasen der Ruhe dienen, wurden von Reisegruppen im Handumdrehen okkupiert. Jeder noch so private Moment des Innehaltens wurde durch das schrille Piepen von Handys oder das aggressive Quengeln überhitzter Kleinkinder im Keim erstickt. Mein persönlicher Höhepunkt war eine Dame, die versuchte, mit ihren mörderischen High Heels das historische Kopfsteinpflaster zu bezwingen, was in einem spektakulären Sturz vor der Kathedrale endete. Ein vorbeihuschender Tourist filmte den Vorfall sofort für seine Story, während die Dame sich mit der Würde einer gefallenen Operndiva wieder aufrichtete.

Mallorca im Sommer erfordert einfach starke Nerven und eine gehörige Portion bitterböse Ironie im Gepäck. Die Insel erträgt diesen alljährlichen Wahnsinn mit der unerschütterlichen Würde einer jahrhundertealten Königin, die geduldig auf den erlösenden Herbst wartet. Bis dahin bleibt uns Einheimischen nur das amüsierte Kopfschütteln über das bizarre Verhalten unserer geschätzten Gäste.

Weiter
Weiter

Mallorquins