Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber die Annahme, ein Mallorquiner warte in seiner Dorfbar sehnsüchtig auf die Freundschaft eines frisch eingetroffenen Mitteleuropäers, gehört zu den niedlichsten Wahnvorstellungen der modernen Migrationsgeschichte.
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber wenn Sie denken, dass die mächtigsten Persönlichkeiten Mallorcas in den klimatisierten Büros irgendwelcher Behörden sitzen, dann haben Sie noch nie den prüfenden Blick einer mallorquinischen Großmutter erlebt. Gegen diese Damen wirkt jede Ministerin wie eine Praktikantin auf Probe. Sie regieren weder Provinzen noch Rathäuser, jedoch umfasst ihr Einflussgebiet etwas viel Größeres. Familien, Nachbarschaften, Dorfplätze, Küchen und gelegentlich auch das Leben völlig fremder Menschen, die unvorsichtig genug waren, zur richtigen Zeit am falschen Gartentor vorbeizulaufen.
Nach vielen Jahren auf der Insel könnte man meinen, man verstehe inzwischen die unausgesprochenen Regeln des mallorquinischen Alltags. Solche Gedanken halten allerdings nur so lange, bis man einen Nachmittag mit einer dieser ehrwürdigen Damen verbringt. Bereits nach den ersten zehn Minuten wird klar, dass hier Kräfte am Werk sind, die bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung entgangen sind.
Besonders bemerkenswert erscheint ihre Fähigkeit, das Wetter vorherzusagen. Während moderne Meteorologen Satellitenbilder studieren, Apps aktualisieren und komplizierte Modelle berechnen, genügt einer mallorquinischen Oma ein kurzer Blick Richtung Tramuntana, ein kaum wahrnehmbares Ziehen im Knie oder das verdächtig ruhige Verhalten einer Katze. Verkündet sie, dass in einer Stunde Regen fällt, räumt das ganze Dorf vorsichtshalber die Wäsche ins Haus. Die Sonne mag noch so strahlend scheinen, der Himmel wolkenlos sein und sämtliche Wetterportale anderes behaupten. Wenig später prasseln die ersten Tropfen herab, als wolle die Natur persönlich bestätigen, wer auf dieser Insel tatsächlich das Sagen hat.
Nicht minder beeindruckend gestaltet sich ihr Verhältnis zum Essen. Wer einmal versucht hat, höflich eine Einladung zum Mittagessen abzulehnen, weiß, dass dies ungefähr dieselben Erfolgsaussichten besitzt wie eine Diskussion mit dem Mittelmeer über Ebbe und Flut. Man betritt das Haus mit der ehrlichen Absicht, lediglich einen kleinen Happen zu probieren. Wenige Minuten später sitzt man vor einem Teller, der aussieht, als sei er für die Versorgung einer mittelgroßen Pilgergruppe vorgesehen.
Äußert man vorsichtig den Verdacht, bereits satt zu sein, löst diese Aussage bei der Gastgeberin dieselbe Besorgnis aus wie die Nachricht einer schweren Hungersnot. Sofort erscheint Nachschlag. Anschließend folgt weiterer Nachschlag. Danach wird diskret gefragt, ob man vielleicht noch ein wenig Brot, etwas Sobrasada, ein paar Oliven oder selbstverständlich einen Schuss Olivenöl wünsche. Auf Mallorca existiert offenkundig die Überzeugung, dass sich nahezu jedes Problem des Lebens durch ausreichend gutes Olivenöl erträglicher gestalten lässt.
Ebenso legendär arbeitet ihr Nachrichtendienst. Keine Zeitung, keine Nachrichtenagentur und kein soziales Netzwerk können mit der Geschwindigkeit konkurrieren, mit der Informationen durch die Gassen eines mallorquinischen Dorfes wandern. Ein Großmütterchen muss dazu nicht einmal ihr Haus verlassen. Bereits am Vormittag weiß sie, wer beim Bäcker zwei Ensaimadas statt einer gekauft hat, welches Auto gestern ungewöhnlich lange vor dem Haus des Nachbarn stand und weshalb die Tochter der Cousine dritten Grades plötzlich jede Woche neue Blumen auf dem Balkon präsentiert.
Noch eindrucksvoller wirkt allerdings ihre Kunst des Schweigens. Kinder können schreien, streiten und durchs Haus toben, als hätten sie beschlossen, das gesamte Mobiliar auf Belastbarkeit zu prüfen. Ein einziger Blick über den Rand der Lesebrille genügt. Sofort kehrt jene Ruhe ein, von der Eltern moderner Generationen nur träumen. Dieser Blick enthält Autorität, Erfahrung und die unausgesprochene Botschaft, dass gewisse Privilegien des Lebens sehr schnell verschwinden können. Niemand möchte riskieren, am Wochenende ohne frisch gebackene Empanadas dazustehen.
Wir Zugezogenen lernen Vokabeln, studieren Traditionen und bemühen uns, das Leben Mallorcas zu verstehen. Wahre Inselkompetenz lässt sich jedoch nicht in Sprachkursen erwerben. Sie sitzt meist vor einem Haus in einer schattigen Gasse oder schlicht und einfach am Fenster, beobachtet die Welt mit wachen Augen und weiß längst alles, bevor der Rest des Dorfes überhaupt bemerkt hat, dass etwas passiert ist. Wer das Glück hat, von einer mallorquinischen Familienmatriarchin ins Herz geschlossen zu werden, besitzt auf dieser Insel mehr Rückendeckung als jede politische Partei und mehr Schutz als jede Versicherung je bieten kann.